Fotografien sind keine Drucke

Fotografie ist keine Drucktechnik

von Maris Rusis

(mit Erlaubnis des Verfassers übernommen aus einem Diskussionsbeitrag über den Wert von Abzügen auf apug.org. Übersetzung: Ulrich Drolshagen)

Der große Philosoph Ludwig Wittgenstein (1889 – 1951) beschrieb eine Kategorie konzeptioneller Herausforderungen, die sich aus der fälschlichen Verwendung der Sprache ergibt und ich denke, die zugrunde liegende Annahme, fotografische Abzüge seien Prints gehört dazu. Fotografische Abzüge unterscheiden sich sowohl technisch, historisch wie ästhetisch derart stark von von Drucken, dass Fotografien „Prints“ zu nennen mittlerweile eine von diesen unbewussten Täuschungen geworden ist, die so weithin akzeptiert werden, weil sie so verbreitet und vertraut sind.

[Ich habe mich entschieden, in der Übersetzung an bestimmten Stellen weiterhin den englischen Ausdruck für „Druck“ zu verwenden, soweit der deutsche Begriff „Abzug“ gemeint ist, weil sich dieser Anglizismus auch im deutschen Sprachgebrauch anstelle der ursprünglichen deutschen Begriffe „Abzug“ und „Vergrößerung“ zunehmend durchsetzt. Ich muss leider zugeben, dass auch ich mich der -in diesem Falle zudem noch unsachgemäßen- Sprachpanscherei schuldig gemacht habe. (Anm. des Übersetzers)]

Die Verschmelzung der Begriffe „Fotografie“ und „Print“ begann, wie ich glaube, mit einem im 19. Jahrhundert verwurzelten Minderwertigkeitskomplex auf Seiten der Fotografie. Hier war ein neues Medium ohne ästhetischen Hintergrund. Kunstkritiker und insbesondere Kunsthändler belegten sie mit den Werten der nächstbesten Techniken. Radierungen, Stiche, Tuschätzungen, Drucke im allgemeinen. Ein Sammler auf der Suche nach einem schönen Stich mag sich zum Kauf einer Fotografie besonders dann überreden lassen haben, wenn sie ihm lediglich als eine andere Art von Druck, einer billigeren zumal, untergejubelt wurde. Ich schlage vor, dass es jetzt an der Zeit ist, dass sich die Fotografie dieser ästhetischen Bezugnahme auf die alten Druckeigenschaften entledigt.

Die meisten Fotografen (Knipser einmal beiseite gelassen) wissen, wie Fotografien entstehen, wissen aber sehr wenig über Drucktechnik. Eine Enzyklopädie der Drucktechnik in ein paar Sätze zu pressen ist schwierig, aber hier ist ein Versuch:
Beim Druck wird das färbende Medium, wie Tinte, Farbe oder was auch immer, nicht direkt in den Träger eingebettet, wie bei der Fotografie sondern wird aus einem Reservoir mittels einer gestalteten Matrize, wie etwa einer Tiefdruckplatte, einem Relief, einer Flachdruckplatte oder einen Schriftdruckstock, zugeführt. Siebdruck und Lithografie sind Flachdruckverfahren, Radierungen und Stiche sind Tiefdruckverfahren und Schriftdruck und Holzschnitt sind Reliefdruckverfahren. Das wesentliche gemeinsame Merkmal ist hier, dass das Druckmedium nicht für jede weitere Kopie neu erzeugt werden muss. Um eine weitere Radierung zu erhalten, muss man die Druckplatte nicht neu anfertigen. Man muss sie lediglich mit neuer Farbe versehen und die Presse ein weiteres Mal drehen.

Fotografie ist eine ganz andere Sache. Um einen weiteren Abzug zu erhalten muss man ihn neu “fotografieren” [Anführungsstriche durch den Übersetzer], von Anfang an. Man muss sich dem Motiv [der Autor meint hier das Negativ, Anm. d. Übersetzers] neu zuwenden, muss dessen Licht sammeln, eine lichtempfindliche Schicht muss diesem Licht ausgesetzt werden, danach entwickeln, fixieren und wässern – Sie kennen die Routine. Man vergisst (oder hat nie drüber nachgedacht?) dass das Motiv vieler Fotografien eine bereits existierende Fotografie, gewöhnlich ein Negativ, ist. Wenn ich eine Fotografie eines solchen Negatives auf eine gewöhnliche Silbergelatine-Emulsion mache, erhalte ich ein Positiv. Das Positiv ist ganz sicher eine Fotografie, gleichgültig ob die lichtempfindliche Emulsion nun auf einen durchsichtigen Träger oder auf Papier beschichtet wurde. Die eine Version Fotografie zu nennen, weil die lichtempfindliche Schicht auf einen klaren Träger beschichtet wurde und die andere Version einen Print, weil die Emulsion auf Papier beschichtet wurde, scheint absurd. Ich will zugeben, dass die Welt groß genug ist, dass jede Absurdität ihre Nachfolger findet. Aber vollständig falsch kann nicht in vollständig richtig verwandelt werden, wie groß auch immer die Zustimmung sein mag.

Ansel Adams hat eine reizvolle und erhellende Analogie zwischen Fotografie und Musik eingeführt, die auf Drucke übertragen werden kann. Drucke sind wie wie das Abspielen einer Schallplatte um Musik zu hören. Fotografien dagegen sind wie das Spielen eines Musikinstruments. Eine Schallplattenaufnahme klingt so oft sie gespielt wird immer gleich. Eine live Aufführung ist einzigartig, weil sie selbst bei einem geübten Musiker niemals zweimal exakt gleich sein wird. Viele Musikliebhaber kennen und schätzen den Unterschied. Das ist der Grund, warum sie bereit sind für den Eintritt zu einem Konzert, das sie nur ein einziges mal hören können, mehr auszugeben als für eine Aufnahme, die sie viel tausend Mal hören könnten. Viele Fotografen haben ein vergleichbares Verständnis für ihre eigene Kunst und werden jeden Originalabzug immer mehr schätzen als einen Druck.

Unser bereits erwähnter Freund Ludwig Wittgenstein würde es anders ausdrücken: Wenn Du auf eine Fotografie schaust und „Print“ sagst, dann bist du mental dazu verurteilt „Print“ zu denken, was unvermeidlich dazu führt einen Druck zu sehen, wo keiner ist. Wenn erst einmal das Sehen falsch ist, hat das seltsame Folgen. Zum Beispiel können Drucke Fotografien sein, wenn man Fotografien Prints nennt. Unmöglich, sagen Sie? Nein, es passiert bereits jedes Mal, wenn Ihnen ein Tintenstrahl-Druck angeboten wird, der als Fotografie daher kommt.

Haben Sie sich je gefragt, warum die Terminologie der Druckherstellung so schwer mit der Fotoproduktion in Übereinstimmung zu bringen ist? Fotografen machen eigentlich keinen Gebrauch von „nummerierten Kopien“, „limitierten Auflagen“, „andrucken“, „Druckfahnen“, „BAT“ (bon a tirer → druckfertig), “Probedrucken” und all dem übrigen Druckervokabular.

Das einzige um das es geht,  ist Kommerz, nicht Kunst. Es ist nur schwer vorstellbar, dass ein Sammler größeres Vergnügen und Erfüllung darin findet, eine Fotografie zu erwerben, nur weil ihm versprochen wurde, dass es da draußen irgendwo nur hundert exakt gleiche Versionen davon gibt. Der Wert eines fotografischen Abzugs leitet sich nicht davon ab, dass ein Exemplar wie das andere genau gleich ist, der Wert eines Druckes schon. Das ist der Grund, weshalb das Gerede vom „Print“ zu nichts anderem führt, als fotografische Abzüge zu einer billigen Handelsware zu machen.

This entry was posted on 5 February 2010 at 6:49 PM and is filed under German. You can follow any responses to this entry through the RSS 2.0 feed. You can leave a response, or trackback from your own site.

One Response to “Fotografien sind keine Drucke”

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